stationsbericht 28.11.09

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Stationsbericht 28.11.09, Zimmer 72, Patient Stephan Thiemicke (kurz: „/t“)

Der Patient /t ist zur Optimierung unseres Therapiekonzepts zusammen mit den anderen Insassen aus Zimmer 72 gebeten worden, anlässlich der nahenden 100. Gruppentherapie seine wichtigsten Erfahrungen mit dieser Therapieform zu schildern. /t hat jedoch die ihm für Notizen überlassen Stifte zerkaut, aus dem Papier Flugzeuge, Schiffe, Hütchen und Musikinstrumente geformt und gefordert, mit dem Stationsarzt zu sprechen. Das Gespräch mit dem Arzt wurde aufgezeichnet.

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„Erzählen Sie uns bitte, warum Sie zu uns kommen!“
„Dieser Erfahrungsbericht, den Sie von uns verlangen, hat mich sehr aufgewühlt, weil er so viele Erinnerungen geweckt hat – angenehme Erinnerungen, aber auch Erinnerungen an Verluste.“
„Sie beklagen einen Verlust?“
„Nein, ich beklage viele Verluste.“
„Können Sie exemplarisch einen für Sie wichtigen Verlust näher beschreiben?“
„Ja, meine Socke liegt auf der A7.“

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„Wie kam es dazu?“
„Wir waren auf dem Weg zur Schallsturm-Therapie mit Dive und Terminal Choice in Kiel. Es war ein gnadenlos heißer August-Tag und ich habe das Shotgun-Roulette für die Hinfahrt gewonnen. Im Prinzip war der Beifahrersitz ganz bequem, aber leider war in dem alten VW-Bus der Lebenshilfe die Heizung kaputt. Das wäre nicht weiter dramatisch gewesen, wenn sich die Heizung nicht hätte in Betrieb nehmen lassen, denn es war ja sehr heiß an diesem Tag. Stattdessen lief die Heizung ständig und heizte uns zusätzlich ein. Wir haben versucht, das Problem dadurch beherrschen zu können, indem wir die Heißluft einfach nach unten auf unsere Füße geleitet und die Fenster weit heruntergekurbelt haben. Das war hinreichend angenehm, erzeugte aber Schweißmonken. Deswegen habe ich meine Schuhe ausgezogen und wurde dafür von anderen Patienten und Pflegern gedisst. Um zu beweisen, dass nicht meine Edelfüße, sondern der in Schleswig-Holstein häufig neben der Autobahn verrottende Dung der Schwarzbunten für explizite Gerüche verantwortlich war, warf ich meine linke Socke nach hinten auf die billigen Plätze. Dann geschah das Unfassbare…(schluchzt).“

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„Was ist passiert?“
„Meine Socke wurde wie der Fanschal eines Fußballclubs in ein Fenster geklemmt und flatterte im Wind. Wenige Augenblicke später wurde das Fenster geöffnet. Im Rückspiegel sah ich etwas schwarzes auf dem Seitenstreifen liegen. Es wurde immer kleiner und verschwand.“

„Das ist ja schrecklich! Wie haben Sie ohne Socke den Tag überstanden?“
„Der mitgereiste KiEw-Fanclub war so freundlich und half mit grauen Stulpen aus. Aber das ist nicht dasselbe. Die am Abend folgende Gruppentherapie war…irgendwie…seltsam. Glas klirrte und auf dem Fußboden war eine schäumende, bräunliche Flüssigkeit, die muffig roch, und es war neblig, einige Leute saßen vor uns…ich erinnere mich nicht mehr genau. Wir wurden in einen Raum der oberen Etagen gebracht, dort saßen zwei Frauen und ein Mann, der mit der Klinik zu tun hatte. Der Fanclub befreite kurz darauf diesen Raum, bis ein anderer, ein böser Mann kam.“

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„Warum soll der Mann böse gewesen sein?“
„Er sagte etwas.“
„Was hat er gesagt?“
„Das weiß ich nicht mehr. Wir sind jedenfalls wieder zurück in den Bus gegangen und haben uns auf den Weg ins Zimmer 72 gemacht. Dabei haben wir die graue Kabelkiste verloren. Das ist ein weiterer herber Verlust. Außerdem war es auf dem Rückweg war so dunkel, dass ich meine Socke nie mehr wiedergesehen habe (schnieft).“

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„Gibt es denn nichts, was Sie an Ihre Socke erinnert oder den Verlust kompensieren könnte?“
„Jahre später waren wir mit Mobile Homes unterwegs, um mehrere Livegruppentherapien halten zu können. In den Mobile Homes befanden sich Kühlschränke, die allerdings nicht sonderlich kalt hielten. Ich hatte Esrom dabei, der im Laufe der Tage ein herrliches Aroma entwickelt hat.

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Durch den osmotischen Druck wurde das Aroma durch die Kühlschranktür ins Auto gepresst und diffundierte dort bis in die verborgenste Ecke hinein. Danach galt für Schuhe ein striktes Ausziehverbot und auch der Esrom ist in Ungnade gefallen, deswegen bin ich auf Maiskölbchen umgestiegen, denn diese werden aus einem Ginseng-Wurzelextrakt gewonnen und verbessern die Merkfähigkeit des Gehörns! Leider hat Schwester Hildegard eine Ginsengextraktallergie, deswegen gibt es keine Maiskölbchen mehr, deswegen gibt es keine Merkfähigkeitsverbesserung und deswegen kann ich mir kaum noch etwas merken. Ich suche etwas und weiß nicht, was – furchtbar, wo ich das gelassen habe.“

„Aber wenn Sie sich, wie Sie sagen, nichts mehr oder nicht mehr sehr viel merken können, was sagen Sie während der Therapien?“
„Erzählen Sie uns bitte, warum Sie zu uns kommen!“

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